Heute habe ich – nach langer Zeit – endlich mal wieder einen ganz ausführlich Erfahrungspost für euch. Dieses Mal über das Stillen. Allerdings nicht in Bezug auf Tom, denn darüber hatte ich bereits berichtet, sondern in Bezug auf Lotte. Denn wie viele von euch wissen, ist auch Lotte ein Stillkind gewesen.
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Heute geht es also um meine Stillzeit mit Lotte. 18 Monate lang hatte ich Lotte gestillt. Damals wollte ich eigentlich gar nicht stillen und wenn doch, dann höchstens ein halbes Jahr. Im Laufe der Stillzeit gab ich dann aber irgendwann zu, dass auch ein ganzes Jahr ganz schön wäre. Und am Ende wurden es tatsächlich ganze 18 Monate.

Während Lilli auf natürlichem Weg zur Welt kam, allerdings einige Wochen zu früh, wurde Lotte per Kaiserschnitt geholt. Das hatte einige gesundheitliche und einige psychische Gründe.
Dieses Mal entband ich in einem anderen Krankenhaus als bei Lilli. Und nachdem ich mich während der gesamten Schwangerschaft doch noch für das Stillen entschieden hatte, setzte ich alles daran, diesen Schritt beim zweiten Kind erfolgreich zu meistern.
Vermutlich hatte ich an der ganzen Stillerei auch nur deswegen gezweifelt, weil ich mit Lilli leider viele negative Erfahrungen machen musste. Ich verband das Stillen nicht mehr mit etwas Schönem, sondern mit etwas Kompliziertem. Etwas, das für mich nicht schaffbar war.
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Noch vor Lottes Geburt bat ich im Krankenhaus dringlichst darum, mich nach dem Kaiserschnitt vor dem Aufwachraum zu bewahren und mich stattdessen direkt zu meinem Baby zu bringen. Denn nach der postnatalen Depression nach Lillis Geburt wollte ich alles, nur kein weiteres Mal etwas Derartiges erleben.
Das Krankenhaus nahm meinen Herzenswunsch sehr ernst. Und obwohl es kleine Komplikationen während des Kaiserschnitts gab, wurde ich direkt im Anschluss zu Lotte gebracht.
Die Schwester reichte mir die kleine Maus. Und als sie fast nackig auf meinem Bauch lag und sich selbst den Weg zur Brust suchte, war für mich sofort klar: Ich werde stillen. Zweifellos.
Lotte verstand das Stillen vom ersten Moment an. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte. Sie hatte unglaublich viel Kraft und Ausdauer.
Da der Milcheinschuss bei mir etwas verzögert einsetze, gaben wir ihr zwischendurch Nährstofflösung. Allerdings keine Flaschenmilch. Ich war partout dagegen.
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Das Krankenhaus nahm sich viel Zeit für das Thema Stillen. Mir wurden verschiedene Positionen zum Anlegen gezeigt und mir wurde ausführlich erklärt, worauf ich achten sollte. Auch wurde ich davor gewarnt, dass es die ersten 10-12 Wochen wirklich anstrengend werden könnte.
Zu Hause stillte ich weiter. Allerdings war ich dadurch zu 100% an die Couch gefesselt. Die Stillberaterin im Krankenhaus hatte also nicht zu viel „versprochen“. Denn das Stillen war die ersten 10-12 Wochen saumäßig anstrengend. Manchmal kam ich mir vor wie ein Tier oder wie eine Maschine. Ich kam nicht mal zum Essen oder zum Duschen. Irgendwie saß oder lag ich nur herum und stillte.
Es gab unzählige Momente, in denen mich das alles wütend machte. Ja, es nervte mich regelrecht. So manches Mal glaubte ich, das würde niemals besser werden. Ich glaubte auch, nie mehr das Haus verlassen zu können, weil ich ständig stillen musste. Aber immer wenn ich kurz davor war, das Handtuch zu schmeißen, hielt ich es dann doch noch mal fest … vielleicht sogar noch fester.
Ich erinnerte mich immer wieder an die Worte meiner Hebamme.
„Durchhalten, Mari!“, befahl ich mir immer wieder, „Halt einfach durch!“
Um Lottes Gewicht brauchte ich mir jedenfalls keine Sorgen machen. Ganz im Gegenteil. Sie nahm rapide zu. Und das nur vom Stillen. Das war ein tolles Gefühl. Es machte mich als Mama irgendwie stolz. =)
Schon nach kurzer Zeit wagte ich mich dann doch nach draußen. Dort war ich dann zwar nicht mehr an die Couch gefesselt, dafür aber an Bänke oder Decken oder was auch immer unterwegs als Still-Lager herhalten musste.
Aber ich kam – hingegen meiner eigenen Erwartungen – sehr gut damit zurecht.
Lotte kam im Februar 2012 auf die Welt und es war wahnsinnig kalt. Es war ein langer, kalter Winter im Jahr 2012.
Aber das machte mir nichts. Mit etwas Improvisationstalent konnte ich auch im Winter draußen stillen.
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Die ersten Ausflüge planten wir immer relativ kurz. Denn irgendwann wollte ich dann doch zurück in die eigenen vier Wände. Aber mit jedem Ausflug wurde ich selbstbewusster und gewöhnte mich zunehmend an die neue Still-Beziehung.
Da Lotte die 3-Monats-Koliken hatte, waren die ersten zwölf Wochen ohnehin sehr anstrengend.
Manchmal frage ich mich heute noch, wie wir das alles gepackt haben.
Aber ich weiß zum Beispiel noch ganz genau, dass es da auch den einen oder anderen Moment gab, in dem ich vor lauter Verzweiflung (und Lottes permanentem Gekreische) Milchpuver besorgt und Lotte die Flasche angeboten hatte. Aber damit konnte Lotte absolut nichts anfangen. Und somit entschied ich am Ende nicht mehr allein. Die Still-Beziehung war schon so gefestigt, dass Lotte alles außer der Brust verweigerte.
Zum Glück, denke ich heute.
Natürlich war – allein wegen der Koliken und dem nahezu permanten Gebrülle – nicht immer alles so rosig. Es gab auch Momente, in denen ich an mir zweifelte und mich fragte, ob meine Muttermilch „schlecht“ sei. Ich fragte mich, ob Lotte solche Bauchschmerzen hatte, weil ich mich falsch ernährte.
Da ich aber ohnehin keine andere Wahl hatte als weiterzustillen – denn Lotte war schon nach kurzer Zeit zu einem hundertprozentigen Stillkind geworden – verwarf ich die verzweifelten Gedanken immer recht schnell wieder.

 

 Nach den ersten 10-12 Wochen wurde dann alles besser. Wirklich alles.
Plötzlich pendelte sich der Stillrhythmus ein und Lotte hörte mit dem Schreien auf. Sie schlief noch immer wenig, aber besser. Wir unternahmen längere Ausflüge und genossen die viersame Zeit als Familie.
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Die Still-Beziehung setzte voraus, dass ich mich auf Lotte, Lotte sich aber ebenso auf mich einstellen musste. Und das hatten wir nach einer ganzen Weile relativ gut raus.
Ansonsten war das Stillen ziemlich praktisch. Ich habe es sehr genossen, wieder voll für Lilli da sein zu können. Wir konnten sogar einen ganzen Tagesausflug mit Lilli am Strand planen. Denn ich hatte immer genug Milch dabei. Das war wirklich super. =)
Und ein weiterer – wenn auch nicht ausschlaggebender – Vorteil war die Gewichtsabnahme nach der Schwangerschaft. Mädels, was hab ich nach Lillis Geburt gekämpft, um meine überschussigen Pfunde zu verlieren!
Und bei Lotte? Ich stillte und aß Frühstück, Zwischensnacks, Mittag, Kuchen, Abendbrot und nicht selten (… Ungelogen! Dafür gibt es Zeugen.) 200-400g Schokolade am Tag. Denn ich war süchtig nach Milka. Das war so furchtbar! Ich habe Schokolade wie Brot gegessen. Das werde ich nie vergessen.
Aber ich nahm ab. Ich glaube, nach 2,5 oder 3 Monaten waren die überschüssigen 10kg bereits verschwunden.
Das war ein ganz schön positiver Nebeneffekt. *lach*
Und ganz abgesehen vom Gewichtsverlust, von den Koliken und von allem anderen:
Das Stillen war wunderschön.
Ich habe diese enge Nähe zu Lotte so geliebt!
Ich kannte das ja vorher gar nicht. Und ich hätte es mir auch niemals vorstellen können. Ich glaube, das kann man nur nachvollziehen, wenn man es selbst erlebt hat.
Und ich habe ja wirklich einen Vergleich mit Lilli als Flaschenkind und Lotte (und Tom) als Stillkind(er).
Ich finde, als Stillmama wird man wirklich zum Improvisationstalent. Und man wird zum perfekten Stillörtchen-Finder. Ja, …manchmal kam ich mir vor wie ein Trüffelschwein, das die besten Trüffel (Stillorte) entdeckte.
Denn – egal wo ich war – ein kurzer 360°C-Blick genügte und schon hatte ich den perfekten (Not-)Stillplatz im Visier. =)
Ich bin unglaublich froh, dass ich Lotte damals stillen konnte. Und dankbar, dass das Stillen auch bei Tom von Anfang an geklappt hat.
Natürlich ist das Stillen nicht immer einfach gewesen. Es gab auch Momente – bei beiden Stillkindern – in denen ich mir mehr Unabhängigkeit gewünscht hatte. Aber ganz insgeheim irgendwie auch nicht.
Denn sobald Micha dann vorschlug, gemeinsam abzustillen, war ich doch total dagegen.
Ich stillte Lotte erst Vollzeit.
Aber sie bekam recht früh Interesse an richtigem Essen. Die Brei-Phase ließ sie gänzlich aus. Sie aß weder Obstbrei noch Grießbrei, weder Möhrenbrei noch Mittagsbrei.
Wir holten uns sogar mehrere Meinungen ein, bevor wir ihr mit 4-5 Monaten tatsächlich „normales“ Essen gaben. Natürlich ohne Gewürze und nicht wirr durcheinander. Aber sie durfte gekochte Möhrchen essen, Nudeln, Kartoffeln, Brot u.s.w.
Zu diesem Zeipuntk stillte ich sie nur noch teilweise. Und nach und nach wurde eine Stillmahlzeit durch richtiges Essen ersetzt.
Irgendwann stillte ich Lotte dann nur noch zum Einschlafen beim Mittagsschlaf, zum Einschlafen abends und während der Nacht.
Das abendliche Einschlaf-Stillen schafften wir zuerst ab. Micha übernahm für mich, musste sich dafür aber teilweise bis zu 1,5 Stunden an Lottes Bett setzen.
Als nächstes brach ich das Einschlafstillen mittags ab. Ich hatte furchtbare Angst davor, zu scheitern. Denn die Mittagsruhe war mir heilig und ich befürchtete, Lotte durch das Abstillen gar nicht zum Schlafen bewegen zu können.
Aber nix da. Auch das klappte mit 18 Monaten wie geschmiert. Und kaum dass ich sie mittags nicht mehr zum Einschlafen stillte, wollte sie auch während des Mittagsschlaf nichts mehr. Von ganz allein.
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Das nächtliche Abstillen war schließlich der Endspurt.
Mit 18 Monaten sagte ich Lotte klar und deutlich: „Die Milch ist alle.“
Denn „alle“, das verstand sie. Sie schaute mich mit ihren großen Kulleraugen an. Das weiß ich noch ganz genau. Und dann wollte sie mir das Shirt hochkrempeln und trotzdem trinken.
Aber ich sagte: „Nein, Maus, die Milch ist wirklich alle.“
Sie schaute mich noch mal an. Und damit hatte sich das Ganze dann erledigt. Es war einfacher als gedacht.
Zuvor hatten wir schon einige andere Abstillversuche hinter uns. Aber heute weiß ich, dass ich zu vielen Zeitpunkten selbst nicht genügend hinter der Abstill-Entscheidung gestanden hatte. Außerdem brauchte Lotte (meiner Meinung nach) eine gewisse Reife, um das Abstillen zu verstehen. So war es jedenfalls in unserem Fall.
Und kaum dass ich hundertprozentig hinter meiner Entscheidung stand und Lotte alt genug war, um zu verstehen, was ich ihr da sagte, klappte das Abstillen schließlich total problemlos. =)
 
Zum Schluss möchte ich noch etwas sagen:
Da ich heute sowohl das Großziehen mit der Flasche als auch das lange und kürzere Stillen kenne, weiß ich durchaus, wie sich beide Seiten anfühlen.
Als Flaschenkind-Mama habe ich oft darunter gelitten, ständig das Gefühl zu haben, mich vor anderen rechtfertigen zu müssen bzw. jedem eine Erklärung schuldig zu sein, warum ich nicht stillte. Dabei hatte ich doch so für das Stillen gekämpft!
Umso glücklicher war ich, dass das Stillen bei Lotte klappte.
Es ist fast, als ob das Kennenlernen vom Stillen die noch nicht ganz verheilte Wunde vom Nicht-Stillen bei Lilli ein bisschen gekittet hatte.
Aber auch beim Stillen gab es viele Vorurteile und Rechtfertigungsgründe. Je länger ich stillte, umso häufiger wurde ich (Oftmals sogar von Kinderlosen!) gefragt, warum ich denn immer noch stillen würde. Ich weiß noch, dass es sogar Momente gab, in denen ich am liebsten gelogen hätte … in denen ich am liebsten gesagt hätte: „Ja, ich stille nicht mehr.“ – Einfach, um mich nicht weiter rechtfertigen zu müssen.
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Und das noch mal im Allgemeinen: Ich finde die mangelnde Toleranz in vielen Bereichen – gerade rund um das Mamsein – sehr fatal. Heutzutage sind ohnehin viel zu viele Mamas unsicher in allem, was sie tun. Da muss es wirklich nicht sein, dass eine Mama das Leben und die Entscheidungen einer anderen Mama in Frage stellt, bezweifelt oder gar schlecht redet.
Jede Mama trifft ihre eigenen Entscheidungen. Und es sind ihre Entscheidungen. Für sie und ihr Kind. Da hat niemand anderes mitzumischen.
Ich hoffe, dass diese Botschaft irgendwann mal bei allen angekommen ist.
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Nun aber zu euch:
Wer von euch kennt auch beides – Stillkind und Flaschenkind?
Was empfandet ihr für Vor- und Nachteile bei der Flasche und/oder beim Stillen?
Und an alle: Wie erging es euch in eurem Umfeld? Musstet ihr euch auch oft rechtfertigen, weil ihr die Flasche gabt oder weil ihr (schon so lange) stillt?
Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen!
Alles Liebe, eure Mari