Hallo ihr Lieben!
Im Erfahrungspost über meine Schwangerschaft mit Lilli habt ihr alles bis auf die Geburt lesen können. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals für die enorme Resonanz von euch bedanken.
Die meisten von euch haben sich daraufhin einen Post über meine zweite Schwangerschaft gewünscht. Wie verlief diese? Gab es ähnliche Komplikationen?
Doch ich denke, es macht mehr Sinn, euch vorerst über Lillis Geburt zu berichten. Das Ganze knüpft immerhin nahtlos an den Schwangerschaftsbericht an.
Darum folgen gleich alle Details zur Geburt. Über die Zeit davor, die Zeit dabei, die Zeit danach.
Und an dieser Stelle möchte ich vorwarnen: Ich erzähle alles genau so, wie es war. Ich kaschiere nichts, ich verschönere nichts.

An 34+4 SSW, also in der 35. Schwangerschaftswoche, entzündete sich der Zugang an meinem Arm.
Doch so schnell war kein Arzt auffindbar. Alle steckten in OPs – so mitten in der Nacht. Mein Arm schmerzte bei jeder Bewegung und ich war kurz davor, mir das Teil selbst herauszureißen.
Dann kam eine Schwester und bat weiterhin um ein paar Stunden Geduld.
Die hatte ich aber nicht. Ich befahl, mir dieses Ding sofort zu entfernen und es – verflucht noch mal – draußen zu lassen. An 35+0 SSW wäre es sowieso rausgekommen. Einfach so. Ohne den Wehenhemmer zu reduzieren. Und was machten schon die drei Tage?

Vermutlich würde es bei mir sowieso so kommen wie bei vielen anderen. Erst monatelang am Wehentropf und am Ende überträgt man.

Die Schwester telefonierte mit einem Arzt und holte sich schließlich das OK.
Der Zugang wurde entfernt und mit einem Mal war ich frei.

Frei.

Ich konnte ohne Tropf ins Bad gehen. Ich konnte ohne nervigen Schlauch schlafen. Ein seltsames Gefühl. Aber toll. So toll, dass ich die heftigen Wehen, die nach einiger Zeit einsetzten, gekonnt ignorierte.

Am nächsten Morgen hieß es:

Adieu Krankenhaus! Adieu Krankenhausalltag! Adieu Krankenhausbuffet!

Natürlich wurde ich noch mal an ein CTG geschlossen. Die Wehen waren grauenhaft. Aber nach 3 Monaten Krankenhaus weiß man, wie so ein CTG-Sensor misst und weiß ihn zu manipulieren. Und auch den Ärzten gaukelte ich vor, es würde mir wehentechnisch gut gehen.

Mir selbst war zwar mulmig dabei, aber ich dachte, die Wehen würden nur eine Weile so stark sein – aufgrund des Entzugs vom wehenhemmenden Medikament. So ähnlich war ich auch von den Ärzten vorgewarnt worden.

Und würde es plötzlich losgehen, würde ich das schon merken. Schmerztechnisch war ich nach diesen 3 Monaten einfach zu abgehärtet. Und jede Nierenkolik, die regelmäßig in dieser Zeit gekommen waren, war von den Schmerzen her stärker gewesen.

Die Sehnsucht nach zu Hause war zu stark. Ich wollte nach Hause. Unbedingt. Zumindest noch einmal, bevor unser Leben zu dritt beginnen würde.

***

So kam es auch. Zu Hause gab es Fernsehen, so laut wir wollten. Privatsphäre!
Essen. Leckeres Essen.

Aber die Wehen blieben und blieben.
In der Nacht machte ich kein Auge zu. Micha auch nicht. Ich weinte die ganze Zeit. Die Schmerzen wurden zu stark. Micha war einige Male kurz davor, den Krankenwagen zu rufen. Aber ich tat das Ganze immer noch ab. Ständig sagte ich: „Mit den blöden Wehen ist 3 Monate lang nichts passiert. Vermutlich passiert auch jetzt  nichts! Die sind nur so stark vom Entzug.“

Das redete ich mir zumindest ein. Wieder und wieder.

***

Am nächsten Tag hatten wir Nicki und ihren Mann zum Grillen eingeladen.
Als kleines Danke, dass Nicki mich die gesamte KKH-Zeit begleitet hat.
Und nicht nur deswegen ist sie Lillis Patentante geworden. =)

Die Wehen waren nun schon so stark, dass ich sie wegatmen musste. Mir war schwindelig vom Schlafmangel. Mein Kreislauf war sowieso im Keller, nachdem ich 3 Monate lang gelegen hatte. Jede Bewegung war anstrengend.

Trotzdem zog ich das kleine Balkon-Grill-Event durch. Ganz einfach, weil ich so bin. Mit Schmerzen kann ich gut umgehen. Aber so ganz langsam klopfte es dann doch an meinen Verstand. … Die Tatsache, dass diese Wehen anders waren. Die Tatsache, dass diese Wehen immer stärker wurden.

Nach dem Grillen gab es noch eine Spielrunde. Bonanza. Wer das Spiel nicht kennt: Achtung, Suchtgefahr! Das Spiel war unsere individuelle Droge während der Krankenhauszeit.

Und die Wehen kamen. Alle 6 Minuten, alle 5 Minuten, alle 4 Minuten …

SCHLUSS!

Ich konnte nicht mehr. Doch noch sagte ich das niemandem.
Ganz freundlich verabschiedete ich Nicki und ihren Mann und ließ Micha aufräumen.
Ich saß im Wohnzimmer und schrie innerlich.

Verflucht, dachte ich. Ich war doch gerade erst zu Hause angekomme. Nur wenige Stunden. Ohne Schlaf. Mit Schmerzen. Sollte es das gewesen sein? War das Michas und meine letzte Zeit zu zweit?

Aber es nützte nichts …

Ich begann meine Sachen zu packen und rief Micha zu mir.
„Lass uns zurück ins Krankenhaus“, sagte ich. „Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus.“

Gesagt. Getan.

Zurück in die Klinik. Zurück ins Wehenzimmer. Zurück ans CTG, das sofort im 2-Minuten-Takt heftigste Wehen aufzeichnete, wie man auf dem Bild an 34+6 SSW sehen kann.

Und man bedenke, diese Wehenintensität hatte ich seit der Nacht ohne Wehenhemmer! Also bis dahin schon fast 48 Stunden!!! Und zwischen diesen 48 Stunden zwei Nächte ohne Schlaf.

Ich war übermüdet, genervt, verzweifelt, traurig.

Sofort nach dem CTG wurde ich untersucht. Der Muttermund war 2cm auf. Nach Hause schickte mich in dieser frühen Woche mit diesen Wehen niemand mehr.

Ich blieb im Wehenzimmer und durfte mich den ganzen restlichen Nachmittag winden vor Schmerzen.

Am Abend gab man mir dann Schmerzmittel – in der Hoffnung, ich würde endlich etwas Schlaf finden. Mein Blutdruck war nämlich im Keller. Sollte das Schmerzmittel nicht anschlagen, würde ich noch eine zweite Dosis bekommen. Nachts. Ich durfte dann klingeln.

Micha wollte bleiben. Aber ich schickte ihn nach Hause. Auch er hatte kaum geschlafen und helfen konnte er mir sowieso nicht. Ich wollte auch niemanden mehr bei mir haben. Ich konnte mich sowieso auf nichts mehr konzentrieren.

Der Muttermund stand irgendwann bei 3cm und stagnierte dort. Die Wehen allerdings stagnierten nicht. Im Gegenteil. Und das Schmerzmittel schlug nicht an.

Ich verlangte nach mehr. Das bekam ich auch. Doch daraufhin kollabierte ich.

Nasskalt geschwitzt klingelte ich um Hilfe, erbrach mehrere Male, dachte, ich würde jeden Moment ohnmächtig werden und nicht mehr aufwachen. Ich konnte nicht mehr allein aufstehen, musste in eine Bettpfanne pinkeln.

Die Schwestern waren selbst total überfordert mit mir.

Und so quälte ich mich durch die ganze Nacht. Noch nie hat eine Nacht so lange gedauert. Noch nie war eine Nacht so schmerzvoll gewesen.

Es war die dritte Nacht ohne Schlaf. Kein Wunder, dass ich zusammengebrochen war, sagten die Ärzte.

Am nächsten Tag hoffte ich, dass sich endlich etwas am Muttermund getan hatte. Immerhin wäre das zumindest ein wenig Entschädigung für all die Qualen gewesen.

Doch nichts da!

3cm. Nicht mehr.
Lilli ging es gut im Bauch. Mir nicht. Ich war körperlich am Ende.

Um das Ganze zu beschleunigen sollte ich ein paar Schritte gehen. Wie fertig ich war, seht ihr allein auf diesem Bild:

Aber ich schaffte immer nur zwei Schritte, dann kippte mein Kreislauf zusammen.
Man darf auch nicht vergessen, dass es einer der wärmsten Sommer war. 30 Grad im Schatten lagen an der Tagesordnung. Und das schwanger mit Wehen und Kreislaufproblemen …

Und danach?Muttermund: 3cm.
Ich hätte am liebsten geschrien. Ich war kurz davor, einen Kaiserschnitt zu ordern. Wirklich.
Mittlerweile um die 60 Stunden 2-minütige starke Wehen. 3 Nächte ohne Schlaf. Vielleicht mal kurz zwischendurch weggedriftet. Unbemerkt. Vor Erschöpfung.

„Nun baden Sie mal eine Runde und entspannen sich.“ – so die Schwester.
Das tat ich auch. Und endlich kam auch mal eine Hebamme auf die Idee, mir zu zeigen, wie ich die Wehen am besten veratmen soll.

Das tat ich auch. Und ich versuchte mich zu entspannen. Beim Baden.
Davor und danach musste ich  mich immer noch ständig übergeben. Mir ging es wirklich dreckig.

Das Baden zeigte endlich Erfolge.
Muttermund: 5cm.

„So, Sie kommen jetzt in den Kreißsaal an eine PDA und an ein wehenförderndes Mittel. Es geht so nicht weiter“, sagte eine Ärztin.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
Nach 3 Monaten Wehenhemmer und 60 Stunden Eröffnungswehen ein wehenförderndes Mittel?

Nun gut … die waren die Profis und mir war mittlerweile alles egal. Hauptsache das Ganze würde bald vorbei sein.

Frisch gebadet lag ich da. Völlig verkabelt. Mein Blutdruck wurde überwacht, weil er ständig fiel. Und dann noch die PDA und das wehenauslösende Mittel.

Mädels, meine Beine waren von der PDA taub, aber alles andere spürte ich noch. Jede Wehe!
Ich durfte zweimal nachpumpen. Aber das brachte gar nichts.

Ich schwöre, die PDA hat überhaupt nicht gewirkt!

So wie auf dem Bild unten sah mein CTG am Abend aus. Es war etwa 19 Uhr. Immer noch Wehen non-stop.
Micha musste noch mal etwas erledigen und ich ließ ihn gehen, nachdem die Ärzte sagten, dass das Ganze jetzt noch eine ganze Weile dauern würde. Der Muttermund stand ja erst bei 5cm und da fehlte noch einiges.

***

Doch kaum dass Micha weg war, wurde mir komisch. Die Wehen wurden noch schlimmer, obwohl ich das für kaum vorstellbar gehalten hatte.
Und es drückte, als ob ich mal müsste. Also Richtung hinten.

Ich sagte das einer Schwester, aber die tat das Ganze ab. Immerhin lag ich gerade mal 20min am Wehentropf mit 5cm offenem Muttermund.

Ich drehte mich von links nach rechts. Der Druck wurde größer und heftiger und es kam zum ersten Mal ein Presswunsch durch.

Ich schob Panik. Micha war nicht da.

Die Ärztin kam rein, untersuchte mich und entschloss kurzerhand: Es kann losgehen.

Und zum Glück kam genau in dem Moment Micha rein.Wirklich! 20 Minuten bevor Lilli auf der Welt war.

***

Es folgte das übliche Prozedere: Pressen, warten, pressen, warten, Dammschnitt, pressen, warten und noch einmal pressen.

… Ich glaube, ich habe höchstens 5x gepresst und dann hörte ich ein Baby schreien. Mein Baby.

Lilli war da.

Mich durchzog eine Flutwelle an Gefühlen: Erleichterung, Freude, Hoffnung… ein Misch, der schwer zu beschreiben ist. Doch genauso schnell wie diese Gefühle gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Nämlich in jenem Moment, als Lilli mir wieder weggenommen wurde. Ich hatte sie wirklich nur kurz auf dem Arm. Ganz, ganz kurz. Und die Stimmung war auch anders als erwartet. Denn durch die Frühgeburt war der Raum voll mit Schwestern, Hebammen, Ärzten …

Lilli wurde ausgiebig untersucht.
Knapp 2500g und 46cm.
Außerdem wurde ihr ein Zugang gelegt.

Und nein, danach bekam ich sie nicht zurück. Es kam nur irgendein Kinderarzt zu mir, der irgendetwas davon murmelte, dass Lilli jetzt erst mal von ihm durchgecheckt werden würde und mit auf die Intensiv müsste. Es sei aber nichts Schlimmes.
Ich stand neben mir. Ich verstand das alles nichts, war aber zu geschafft, um darüber nachzudenken.
 
Nur eines wusste ich: Ich fühlte mich unwohl. Einsam.
Mein Baby fehlte mir.
Irgendwie war Lilli nicht aus dem Bauch in meine Arme gekommen, sondern aus dem Bauch in meinen Kopf. Ich wusste nun, dass sie da war. Aber ich hätte sie kaum genau beschreiben können. Ich hatte sie nur wenige Sekunden gesehen. Ich wusste nicht, wie sie roch, wie sie atmete, wie ihr Herzchen schlug. 
Plötzlich war mein Bauch leer. Aber auch meine Arme. =(

Und statt der euphorischen Gefühle, die nach so einer Geburt folgen … und die einen all die Strapazen vergessen lassen, weil man das selig schlummernde kleine Wesen in den Armen hält … ja, statt alledem gingen die Strapazen weiter. Der Dammschnitt und zwei weitere Risse mussten genäht werden. Über eine Stunde lang. Ohne Baby.

Danach waren Micha und ich zwar erleichtert, dass wir alles überstanden haben, doch meine innerlichen Gefühle überspielte ich. Ich war so durcheinander und so müde.

Aber eines war besonders schlimm: Ich fühlte mich nicht als Mama.

Wo war mein Baby, für das ich 3 Monate lang gekämpft hatte, davon die letzten 3 Tage kein Auge zugemacht hatte? Das kleine Etwas, auf das ich sehnsüchtig gewartet hatte …

Nach einer gefühlten Ewigkeit … ich glaube nach 2,5 oder 3 Stunden durften wir endlich zu Lilli.
Und ich werde niemals vergessen, wie ich samt Bett auf die Intensivstation gefahren wurde und – hätte es neben ein paar extremen Frühchen nicht nur dieses eine andere Baby gegeben – ich nicht einmal hätte sagen können, wer Lilli ist. Ich wusste nichts über sie. Und die letzten Stunden waren mir ewig vorgekommen.

Man schob mich zu ihr. Neben den Inkubator. Sie war ganz klein und brauchte Zucker und Wärme. Ansonsten ging es ihr gut. Mit einer Hand durfte ich sie berühren. Unter Aufsicht von einigen Schwestern. Keine Privatsphäre. Keine Zeit, sich kennenzulernen.

Und dann wurde sie kurz rausgenommen und bei mir angelegt. Mehr rabiat als einfühlsam. Lilli schrie und ich war überfordert. Weil es nicht sofort klappte, wurde sie wieder weggenommen und zurückgelegt.

Wieder nur wenige Sekunden Körperkontakt … neben Schwestern und Hebammen. Und dann wieder nur eine zarte Berührung mit den Fingern. Mehr nicht. Innerlich schrie ich. Die Sehnsucht war so groß, Lilli zu nehmen und für immer an mich zu kuscheln. Aber das durfte ich nicht.Und auch danach ging alles ganz schnell. Da es schon mitten in der Nacht war, sollte ich mich flüchtig von Micha verabschieden. Zwischen Tür und Angel. Ich wurde auf ein Zimmer geschoben, in dem schon eine andere Frau schlief. Ab in den dunklen Raum. Zum Schlafen.

Das war’s. Ich war allein. Ohne Micha. Ohne Lilli im Bauch. Ohne Lilli im Arm.
Mit Schmerzen.

Noch nie hatte ich eine schmerzvollere Einsamkeit gefühlt.
Noch nie. Bis heute nicht.

***

So ging es die nächsten Tage weiter. Lilli nahm zu sehr ab und musste noch etwas im Inkubator bleiben. Sie war zu trinkschwach. Dazu kam eine Gelbsucht. Und ich bekam eine Nierenbeckenentzündung sondergleichen. Ich pinkelte nur noch Blut. Mir wurde dann steril Urin abgenommen. Auch dieser: weinrot. Es ging in die Urologie.

Aber Mama war ich nicht.

Mein Baby war in der Obhut Fremder. Ja, fremde Frauen passten auf sie auf, umsorgten sie, bestimmten über sie, bestimmten über mich.

Wieder musste ich Antibiotika nehmen und viel Schmerzmittel. Und immer noch war ich allein.
Ich weinte jeden Tag. Und trotz heftigster Schmerzen versuchte ich, mich in der weigen Zeit, die mir zustand, um Lilli zu kümmern. Ihr ein Fläschchen zu geben, wenn ich mal durfte.

Freunden und Familie konnte ich Lilli gar nicht richtig vorstellen.

Und nebenbei der Abpump-Horror mit der Milchpumpe.

Ich hatte Nächte nicht geschlafen, hatte mein Baby nicht bei mir. Ich hatte Schmerzen, nahm Medikamente und war gestresst. Wie bitte sollte da Milch kommen? Ich hatte noch nicht mal Mamagefühle.

Und so kam auch nichts. Gar nichts. Tagelang. Wochenlang.

Für Lilli ging es dann irgendwann vom Inkubator ins Wärmebettchen. Das war zumindest etwas besser. Wir durften etwas öfter zu ihr – ohne stinkendes Desinfektionsmittel.

Aber langes Kuscheln gab es immer noch nicht.

Die Klinik wollte Lilli noch eine Weile behalten. Und das, obwohl es ihr gut ging.
Das wollte ich nicht. Darum ließ ich mich samt Lilli in die Kinderklinik verlegen. Dort bekam Lilli ihr eigenes Zimmer und ich konnte den ganzen Tag bis ca. 21 Uhr bei ihr sein. Die letzten beiden Tage durfte ich sogar bei ihr schlafen.

Lilli ging es gut und ganz plötzlich nahm sie rasant zu. Bestimmt, weil sie nicht mehr so allein war.Immer wieder bat ich um Stillhilfe, doch auch hier gab es kaum Zeit, kaum Interesse. Und ich selbst dachte, ich wäre unfähig … zu blöd zum Stillen.

Ich kam mir vor, als ob ich alles falsch machte.

Und noch immer gab es keine richtigen Mamagefühle. Ich liebte Lilli. Auf jeden Fall. Aber ich fühlte mich nicht als Mama. Das machte mir Angst. Aber ich schwieg und überspielte das Ganze.

Lilli mit 6 Wochen
Nach einiger Zeit wurden wir samt Lilli entlassen. Es ging nach Hause. Aber auch dort wirkte alles seltsam auf mich. 3 Monate war ich nicht mehr dort gewesen. Und die letzten Stunden zu Hause konnte man kaum zählen.Ich war überfordert, verwirrt, gestresst und von Wochenbetthormonen durchflutet.

Immer wieder versuchte ich es mit dem Stillen.
Doch es klappte nicht. Ich kam mir unfähig vor. Ich fühlte mich wie eine Versagerin.

Wochenlang kämpfte ich in diesem Rhythmus:

Wickeln, stillen, Flasche geben, pumpen … und kaum war alles durch, fing man schlaflos wieder von vorne an.

Irgendwann konnte ich nicht mehr und gab auf. Ich weiß noch, wie wir zum nächsten Laden fuhren und vorm Milchpulverregal standen. Und wieder weinte ich.

Nun war doch schon die Schwangerschaft furchtbar gewesen und die Geburt und die Zeit danach und nicht mal das Stillen war mir gegönnt. =(

Also gab es Flaschennahrung. Abstillen brauchte ich nicht. Ich legte Lilli einfach nicht mehr an und pumpte nicht weiter ab und damit hatte es sich getan. Ja, so wenig Milch hatte ich gehabt. Ich musste nicht mal welche ausstreichen.

Lilli ging es jedenfalls prächtig. Sie wuchs und nahm zu und war gesund.
Das war das Wichtigste.Aber mir ging es nicht gut. Ich fühlte mich immer noch nicht hundertprozentig wie eine Mama.
Ich weinte mich in den Schlaf, weinte am Tag. Manchmal, wenn es ganz schlimm wurde, sperrte ich mich sogar im Bad ein und bekam einen Heulanfall.

Am liebsten hätte ich die Zeit zurückgedreht. Ich fühlte mich unfähig und bestraft und kam mit dem neuen Leben nicht zurecht. Vor allem nicht damit, dass Lilli plötzlich da war und es sich nicht anfühlte, als ob sie mein Kind wäre.

Ich sprach sogar mit der Hebamme darüber, aber die tat das als normales Hormonchaos ab.

Aber das war es nicht.

Heute weiß ich, dass es eine starke postnatale Depression gewesen ist. Ich habe später mit Ärzten und Beraterinnen darüber gesprochen. So etwas kommt häufig vor nach schwierigen Geburten oder problematischen Schwangerschaften. Und ich hatte beides. Es ist ein Tabuthema. Aber ich schreibe ganz offen darüber. Heute. Früher hätte ich das nicht gekonnt.

Ich meine … es ist einfach alles schief gelaufen. Die Schwangerschaft, die Geburt und das Schlimmste, dass Lilli danach wochenlang nie richtig bei mir war. Ich denke, wäre Letzteres weggefallen, hätte die Nähe und Freude alles wettgemacht. Aber so war es nun mal nicht.

In dieser Zeit kümmerte ich mich wie eine perfekte Mutter um Lilli, fühlte mich aber nicht als solche. Ja, in den Gedanken wünschte ich mir manchmal sogar, ich wäre niemals schwanger geworden. Furchtbar und heute unvorstellbar!

Es ist generell unvorstellbar für jene, die so etwas noch nie gehört oder selbst durchgemacht haben.
Es klingt hart. Es klingt brutal. Es klingt gefühlslos.

Und heute macht es mich traurig. Es tut mir weh – ganz tief in meinem Herzen.

Das Ganze wurde dann schleichend besser. Irgendwann … ich weiß nicht wann. Aber irgendwann legte sich ein Schalter um. Ganz plötzlich. Und da waren sie dann … die Mamagefühle.

Aber das war spät. Lilli war da schon eine ganze Weile auf der Welt.

Und eines sei zum Schluss gesagt:

Die Narben sind noch immer vorhanden. Spürbar. Ich musste weinen, als ich diesen Post schrieb.
Ich hoffe, dass diese Wunden irgendwann gänzlich heilen werden.

Und ja, ich weiß, dass es durchaus Schlimmeres gibt. Viel Schlimmeres. Aber für mich und meinen Lebenslauf war dies das allerschlimmste Erlebnis. Eine Enttäuschung der Erwartungen. Monatelange Strapazen … körperliche Schmerzen … und im Anschluss psychische.

Heute ist ja alles gut. Ich liebe Lilli über alles. Und all diese Gefühle von damals tun mir sehr weh, wenn ich darüber schreibe. Heute bin ich einfach nur froh, dass ich die Schwangerschaft überstanden und Lilli gesund auf die Welt gebracht habe. Heute möchte ich sie vor allem Leid auf dieser Welt beschützen. Heute ist sie ein Teil von mir. Zusammen mit Lotte der wichtigste Teil.

(Bei Lottes Geburt war dann alles ganz anders. Andere Klinik, anderes Vorgehen. Aber dazu ein anderes Mal mehr.)

***

Ich hoffe, ich habe euch nicht zu sehr geschockt.

Wie war denn eure Geburt und wie habt ihr die Schmerzen empfunden?

Ich finde, dass diese Geburtsschmerzen teilweise ziemlich herabgestuft werden als etwas Natürliches … etwas, wo jede Mama durch muss.
Aber wirklich, mal unter uns: Es tut verdammt noch mal weh! Aber so richtig!

In diesem Sinne – mit einem weinenden und einem lächelnden Auge:

Alles Liebe,

eure Mari