Einige von euch wissen vielleicht, dass ich schon immer gern und viel geschrieben habe. Ich habe es zwischendurch mal angedeutet und immer mal ein bisschen davon erzählt, aber eben nie richtig ausführlich.

Aus aktuellem Anlass möchte ich das aber gern tun, da sich ein kleines Theater-Ensemble aus der Schweiz zusammengefunden hat, um einen meiner Romane aufzuführen. Aber dazu gleich mehr.

Vorab möchte ich euch ein bisschen von der Schreiberei erzählen. Warum sie mich bis heute so fasziniert und was ich so an ihr liebe.

Mari

Mein erstes Manuskript schrieb ich im Alter von 13 Jahren. In den Sommerferien. Es war ein Jugendfantasyroman, der von einem Jungen namens Cedric handelt, der bei einem Autounfall stirbt und daraufhin in eine Parallelwelt gelangt. Dort macht er sich mit neu gewonnen Freunden auf die Suche nach dem Lebenselixier.

Dieses Manuskript reichte ich beim Rowohlt Jugendliteraturwettebewerb ein und belegte am Ende den dritten Platz von über 600 Einsendungen. Allerdings wurde nur aus dem Gewinner-Manuskript ein richtiges Buch. Seither verstaubt das Ganze auf meiner Festplatte. Doch es war ohnehin ein literarisches Erstlingswerk. Heute würde ich die Geschichte ganz anders schreiben und mich vermutlich wesentlich gekonnter dabei ausdrücken. Aber so geht es wohl jedem Autor und Schriftsteller.

Bild Lebenselixier

Cover-Idee/Entwurf von Micha und mir

Trotzdem möchte ich euch einen kleinen Auszug nicht vorenthalten:

(…) Kiara stand weiter hinten in der Halle. Die Flamme der Fackel wurde in den vielen Spiegeln und Glasscherben reflektiert.
„Nun kommt schon!“, rief Kiara und nickte ungeduldig in Richtung der Treppe.
Phil, Fenia und Cedric folgten ihr. Die schmalen Stufen der gläsernen Treppe fanden kein Ende. Erst nach unzähligen Stufen gelangten sie in einen langen Flur. Der Fußboden bestand aus Marmorfliesen, die Wände waren weiß. Die vier Freune liefen den langen Korridor entlang und entdeckten an dessen Ende eine weitere Treppe. Hastig eilten sie diese hinauf, nahmen dabei mehrere Stufen gleichzeitig. Die Fackel war bereits zur Hälfte heruntergebrannt. Hinter der Treppe verbarg sich ein zweiter Flur. Der Boden und die Wände dort waren so weiß, dass es blendete.
„Wir sind gleich da“, flüsterte Kiara und beschleunigte ihre Schritte. Kurz vor Ende des Flures blieb sie schließlich stehen und blickte auf die grelle Wand.
„Was tust du denn da?“, fragte Phil unruhig.
Kiara ignorierte ihn und tastete die Wand ab. Dabei glitt ihre Hand plötzlich durch das Weiß der Wand hindurch.
„Wie hast du das gemacht?“, fragte Fenia sofort und beobachtete dabei, wie Kiara zunehmend hinter dem Weiß der Wand verschwand.
„Ich erklär’s euch später“, erwiderte Kiara, „Folgt mir einfach!“ (…)

***

Im Folgenden die Bewertungsbögen des Wettbewerbs. Wir hatten das Ganze damals als Erinnerung eingescannt. Per Klick könnt ihr die einzelnen Bilder vergrößern und dann auch gut lesen. =)

Lebenselixier Bewertungsbogen 1Lebenselixier Bewertungsbogen 2Lebenselixier Bewertungsbogen 3

Ich gab trotzdem nicht auf, schrieb weiter und veröffentlichte diverse Gedichte und Kurzgeschichten.

Im Folgenden eines meiner Lieblingsgedichte:

blind date

beim schnellen flirt im internet
he finds the girl that he gern hätt‘
a single, model – ohne kids.
who hears dieselben megahits

he loves her fotos im profil
sends her a message in his stil
sie schreibt ihm back a few days later
her lovely text makes him feel greater

they compare notes in SMS
she sounds nett and very kess
sie liebt romantik und hat geld
er wünschte he could be her held

sie woll’n sich meeten auf ‘nen drink
im restaurant, he gets the link
happy he watches die location
und freut sich dabei auf das daten

sie chatten bis zum evening
der datenhighway ist ihr ding
one last blick noch auf ihr bild
dann blinkt das laptopakkuschild

computer aus und schuhe an,
he leaves die wohnnung to have fun
he drives im auto durch die stadt
er hat das singleleben satt

he parks den wagen und steigt aus
hält es zum highlight kaum noch aus
er geht along and styles his hair
träumt von spending time with her

but then am treffpunkt angekomm’
sieht er sie und schleicht von dann’
ein fake-profil it must have been
…trust nur what you’ve vorher seen!

***

Außerdem zwei Ausschnitte aus zwei unterschiedlichen Kurzgeschichten:

Geschichte Nr.1: Pusteblumen

Hast du schon mal an einer Pusteblume gepustet? Bestimmt. Als Kind oder so. Jedes Kind liebt Pusteblumen. Man pustet gegen die weißen Schirmchen und jagt ihnen dann hinterher. Mein Papa ist kein Kind mehr. Natürlich nicht. Aber während ich hier sitze und euch das erzähle, zupft er die ganzen Löwenzähne aus unserem Garten. Und das, obwohl die doch später zu Pusteblumen werden. Ich bin noch ein Kind und jage den Schirmchen gern hinterher. Trotzdem macht mein Papa alles kaputt und hat mich nicht mal gefragt. Das ist blöd. Wenn er nämlich alle Löwenzähne wegmacht, macht er auch alle Pusteblumen weg und weil ich dann nicht mehr gegen die Schirmchen pusten kann, wachsen auch keine neuen mehr. Ich bin noch klein, aber das ist nicht schwer zu verstehen.
Als ich das später meiner Oma erzähle, sagt sie mir, dass Papa als Kind auch gegen Pusteblumen gepustet hat. Sie sagt, er hat das wohl vergessen. Sie sagt, wenn wir erwachsen sind, vergessen wir alle etwas.
Ich will später aber nichts vergessen. Schon gar nicht meine Pusteblumen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Deshalb habe ich beschlossen, alle Löwenzähne zu schützen.
In der Schule erzähle ich Anna von meinem Plan. Sie ist meine beste Freundin und auch noch ein Kind. Deshalb will sie mir helfen. Wir Kinder halten nämlich zusammen. Also fahren wir nach der Schule zum Laden bei uns um die Ecke. Wir kaufen zwei große Plakate, Tonpapier, Kleber und Tusche. Dann fahren wir zu ihr. Zu mir will ich nicht. Ich habe nämlich Angst, dass mein Papa, der Pusteblumenmörder, uns erwischt.
Aus dem Tonpapier basteln wir ganz viele Löwenzähne und Pusteblumen. Die kleben wir dann auf die Plakate. Danach greife ich nach der Tusche.
„Was sollen wir denn schreiben?“, fragt mich Anna.
„Das wird eine Demo“, sage ich. Sowas habe ich mal beim Abendessen im Fernsehen gesehen. „Wir machen eine Demo gegen das Herausreißen von Pusteblumen … und Löwenzähnen.“
Anna nickt. Sie taucht ihren Pinsel in schön viel schwarze Farbe und schreibt: STOP!!! LASST DIE LÖWENZÄHNE IN RUHE!!! SIE HABEN DAS RECHT ZU LEBEN!!!
„Das ist gut“, sage ich. „Richtig gut.“
Ich nehme ganz viel rote Tusche, erinnere mich an die Worte meiner Oma und schreibe: WIR WOLLEN NICHT VERGESSEN!!! UNSERE KINDER SOLLEN SPÄTER PUSTEBLUMEN HABEN!!!
„Das ist noch besser“, sagt Anna.
Wir nicken ganz zufrieden und schieben die Plakate zum Trocknen unter Annas Bett. (…)

***

Geschichte Nr. 2: Mark Winter

Es gibt Momente, in denen man nachdenken muss, es aber nicht kann; und es gibt Momente, in denen man es besser sein lassen sollte, es aber trotzdem tut. Ein solcher Moment war der 4. Dezember 2011. Drei Wochen vor Heiligabend. Die meisten Leute deckten sich mit Geschenken, Lebkuchen, Zimtsternen und Schokoladenweihnachtsmännern ein – als ob sie befürchteten, dass die vielen Köstlichkeiten und Präsente bis zum Fest ausverkauft sein könnten.
Das war eines der Dinge, an die ich dachte. Ich dachte an vieles: an das Wetter, an das Abendbrot, das mir schwer im Magen lag, und an meine Schreibblockade, die seit einem halben Jahr anhielt. Ich dachte an alles, nur nicht an meine Frau, die unter mir lag und von mir erwartete, dass ich sie auf dem Weg zur sexuellen Ekstase begleiten würde. Ich blickte auf sie herab und versuchte mich fallen zu lassen. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen leicht geöffnet, ihr makelloses Gesicht gebettet auf einem Nest blonder Haare. Sie wand sich vor Lust und presste meine Hand auf ihren Busen. Sie warf ihren Kopf hin und her, stöhnte und zog mich näher an sich heran. Mein nackter Oberkörper streifte ihre Brust, und als ich mir vorstellte, wie auch sie beim nächsten Einkauf Weihnachtsgebäck auf das Fördeband der Kasse legen würde, weil auch sie dem natürlichen menschlichen Gruppenzwang unterlag, brach ich ab. Ohne ein Wort löste ich mich von ihr, ließ mich mit dem Rücken auf die Matratze fallen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Erschöpft stöhnte ich auf. Ich wusste nicht, was ich Liz sagen sollte.
Liz‘ eigentlicher Name war Elisabeth, weil ihre Eltern zum Zeitpunkt ihrer Geburt dem Irrglauben unterlegen waren, den Namen der Großmutter an ihr Kind weitergeben zu müssen. Liz hasste ihren vollen Namen. Deswegen nannte ich sie Liz. Jeder nannte sie Liz. Sogar ihre Eltern.
Kaum dass ich meine Hände aus dem Gesicht genommen hatte, spürte ich Liz‘ Blick auf mir. Im Augenwinkel sah ich, wie sie an der Bettdecke fummelte, um ihre Blöße mit etwas Stoff zu verdecken.
Ich starrte gen Zimmerdecke und verfing mich im weißen Raufasermuster. Liz‘ Frage hing wortlos im Raum. Ich schuldete ihr eine Erklärung, doch ich hatte keine. Ich hätte vieles sagen können; zum Beispiel, dass ich beim Sex über Lebkuchen und Zimtsterne nachgedacht hatte. Aber das tat ich nicht. Natürlich nicht. Stattdessen neigte ich meinen Kopf zur Seite und beobachtete das flackernde Licht der Kerzen.
Nach einer Weile regte Liz sich. Sie rückte näher an mich heran und legte eine Hand auf meine Schulter. Die Berührung jagte eine Gänsehaut über meinen Körper. Allerdings keine angenehme. Es war ein kurzer, brennender Schauer. Ich wusste nicht, was mit mir los war. Noch nie war mir etwas Derartiges passiert. Ich hatte immer funktioniert. Genau so, wie ein Mann funktionieren musste. Nur heute nicht.
„Schatz?“, flüsterte Liz. „Ist alles in Ordnung?“
Ihre sanfte Stimme beruhigte mich. Liz war ein einfühlsamer Mensch. Einfühlsam, verständnisvoll und von Natur aus ruhig. Es bedurfte einiges, damit sie aus ihrer Haut fuhr. Bislang war mir das erst einmal gelungen. Das war damals gewesen, im Dezember ‘99, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten uns zum Essen verabredet, doch ich vergaß das Date. Liz wartete fast eine Stunde auf mich, rief mich dann an und machte mir die Hölle heiß. Wohl mehr aus Enttäuschung als aus Wut.
Ich seufzte und richtete mich auf.
„Ich muss mal hier raus“, sagte ich. Nebenbei zog ich mich an. Ich brauchte mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Liz mich besorgt musterte.
„Um diese Zeit?“, fragte sie.
„Meinen Kopf leer kriegen“, fuhr ich fort ohne auf ihre Frage einzugehen. „Mir fällt die Decke auf den Kopf.“
Mein sexuelles Versagen schwieg ich tot. Ich hatte ohnehin keine Erklärung.
„Liegt es an dem neuen Buch?“, fragte Liz. „Daran, dass du nicht weiterkommst?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“
Liz legte von hinten eine Hand auf meine Schulter. Sie fühlte sich kalt und fremd an. Am liebsten hätte ich sie abgeschüttelt.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte Liz.
„Nein“, sagte ich sofort und etwas bestimmter. „Ich muss hier einfach nur raus.“
Mit diesen Worten stand ich auf und trat zur Tür. Bevor ich ging, blieb ich noch einmal stehen.
„Es tut mir leid, Liz“, entschuldigte ich mich, um mein Gewissen zumindest etwas zu bereinigen.
„Ist schon in Ordnung“, erwiderte sie, lächelte gezwungen und machte eine abwinkende Geste. „Und nun mach, dass du wegkommst, bevor ich doch noch wütend werde.“ Sie lachte künstlich.
Ich nickte bloß, wandte mich um und verließ das Zimmer. (…)

***

Ich liebe das Schreiben! Beim Schreiben schlüpft man in andere Rollen und Welten und kann Dinge erschaffen. Man erschafft Charaktere, Orte, Konflikte, Spannung, Romantik. Plump ausgedrückt: Man wird von Anfang bis zum Ende seiner Geschichte zu einer Art Gott. Man bestimmt alles und erschafft alles. Man hat das Verhalten und die Reaktionen seiner Charaktere in der Hand: Soll der Kerl wütend reagieren oder lieber lachen? Sollen sich die beiden Verliebten küssen oder lieber nicht? Soll es draußen regnen oder schneien?

Wenn ich schreibe, dann tauche ich ab. Und genau dieses Abtauchen liebe ich so sehr. So richtig gelingt mir das nur beim Schreiben ganzer Romane. Bei Kurzgeschichten ist das ein bisschen anders.

Als ich die beiden Bücher „Wintermond“ und „Sommermond“ geschrieben habe, lebte ich sie richtig. Ich griff Alltagssituationen auf, die ich einbauen konnte. Ich dachte Tag und Nacht über die Handlung und die Charaktere nach. Ich fühlte mit ihnen.

Wintermond_CoverCover Sommermond

Wintermond und Sommermond sind zwei Romane, die mir sehr am Herzen liegen und auf die bis heute recht stolz bin, weil sie zu richtigen Bestsellern dieses Genres wurden. Ich denke, das liegt vor allem daran, dass sehr viele Schwulenromane (… so nenne ich sie jetzt einfach mal) auf Sex und Erotik reduziert werden. Nicht alle, aber viele. Oder die Handlungen sind ziemlich einfach und überschaubar. Aber ich dachte mir damals: Da geht noch mehr! Darauhin entwarf ich einen zweiteiligen Thriller, in denen die Hauptcharaketere schwul sind. Einer davon allerdings nicht von Anfang an. Zumindest nicht bewusst.

Das Ganze spielt in Hamburg. Ich fuhr sogar selbst dorthin und schaute mir die Gegend an. Die Viertel, die Straßen, die Cafés und saugte die Eindrücke förmlich auf.

Im Folgenden ein paar Fotos der Tour durch Hamburg:

Recherche Hamburg

Recherche Hamburg (7)

Recherche Hamburg (3)

Recherche Hamburg (5)

Recherche Hamburg (2)

DSC_3126

Recherche Hamburg (4)

Recherche Hamburg (6)

Umso bewegender finde ich es, dass es da draußen ganz tolle Menschen gibt, die sich dem ersten Teil, also „Wintermond“ so sehr angenommen, dass sie ihn zu einem Theaterstück umgeschrieben haben, das dieses Jahr uraufgeführt werden soll. Ebenfalls ein Herzensprojekt. Das spürt man einfach. Das Ensemble sammelt aktuell Spenden, um auf Tournee gehen zu können. Sie wollen es bis Hamburg schaffen und deshalb drücke ich natürlich beide Daumen.

Wenn ihr das Team auch unterstützen möchtet, könnt ihr das hier tun. Ich verspreche euch auch einen ausführlichen Vlog, falls es zur Aufführung in Hamburg kommen sollte. ;)

Es ist übrigens total seltsam zu sehen, wie sich das Ensemble mit den von mir erschaffenen Charakteren beschäftigt. Das ist, als würde man plötzlich noch ein Stück ernster genommen werden. Irgendwie eine Verbindung zwischen Roman und Realität. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie großartig es sich anfühlen muss, wenn ein eigenes Buch verfilmt wird. Das muss der Wahnsinn sein!

Wintermond und Sommermond sind zwei ziemlich lange Romane. Wenn ich sie heute lese, würde ich sie noch ein ganzes Stück kürzen und auch einige Füllwörter und Textpassagen weglassen und/oder verändern. Aber so selbstkritisch muss man einfach sein, damit man sich weiterentwickelt, … denke ich.

Die beiden Romane wurden zu richtigen Genre-Bestellern.

Sommermond Bestseller

Zu Spitzenseiten schafften es die beiden Romane bei Amazon sogar auf Rang 3426 (Wintermond) und Rang 2856 (Sommermond) und unter die Top 50 Bücher in der Kategorie „Bücher/Erotik/Romane & Erzählungen“. Und das bei zu jenem Zeitpunkt (ihr seht es auf der mittleren Grafik) 4.690.000 Büchern und in einem Randgenre.

Darauf darf man doch stolz sein, oder? =)

Wintermond-Verkaufsrang

Verkaufshistorie Wintermond

Sommermond Verkaufsrang

Im Folgenden ein Auszug aus Wintermond:

Er krempelte seinen linken Jackenärmel zurück und fand mit einem Blick auf seine Armbanduhr heraus, dass es kurz nach Mitternacht war. Er fluchte innerlich. Wäre er früher in Flensburg losgefahren und hätte ihn kein plötzlicher Schneefall überrascht, befände er sich jetzt nicht in dieser prekären Situation. Die Innenscheiben waren längst wieder beschlagen, Bens Hände wurden von Minute zu Minute kälter. Was sollte er tun? Er konnte um diese Uhrzeit nicht bei jemand Fremden klingeln. Höchstwahrscheinlich würde er es sich dann sofort mit Johannes Tannenberger verscherzen. Genau das wollte er in keinem Fall riskieren. Er könnte zurückfahren und sich ein günstiges Hotel suchen, doch von den glatten Straßen und der gefühlten Orientierungslosigkeit hatte er vorerst genug. Ihm blieb also leidglich die Option, in seinem Auto zu übernachten. Doch die winterliche Kälte würde ihn womöglich schon nach wenigen Stunden zerfressen.

Erneut rieb Ben sich die Augen und wollte gerade sein Handy hervorkramen, als jemand von außen gegen das Seitenfenster seines Wagens klopfte.

Ben, dervollkommen in Gedanken vertieft gewesen war, erschrak im ersten Moment. Erst als er seine Müdigkeit von sich geschüttelt hatte, ließ er das Fenster ein Stück weit herunter und spähte in die Dunkelheit.

Einige Sekunden später trat jemand vor sein Fenster und blickte skeptisch ins Wageninnere.

„Was willst du hier? Bist du einer von denen?“, wurde Ben streng von einer jungen, männlichen Stimme gefragt.

Noch immer konnte Ben nicht mehr als eine dunkle Gestalt vor sich erkennen.

„Kleinen Moment…“, murmelte Ben, schloss das Fenster wieder und stieg aus dem Wagen.

Er wollte sich gerade umdrehen und an den Fremden wenden, als dieser sich schon auf ihn stürzte und ihn grob gegen die Karosserie drückte. Zwei blaugraue Augen blickten finster auf ihn herab. Ben fühlte sich so überrumpelt, dass er etwas verzögert reagierte.

„Geht`s noch?“, fragte er daraufhin und versuchte sich loszureißen.

„Ich hab‘ dich was gefragt! Bist du einer von denen oder was suchst du mitten in der Nacht hier draußen?“, wiederholte sich sein Gegenüber und wirkte dabei zunehmend bedrohlich.

„Einer von wem? Ich bin wegen des Praktikums hier“, verteidigte sich Ben und merkte daraufhin endlich, wie sich der feste Griff an seinen Oberarmen lockerte. Einen Augenblick später ließen die in Handschuhe gehüllten Hände ganz von ihm ab.

Ben strich sich die zerzauste Jacke glatt und blickte auf. Der fremde Kerl schob sich die Kapuze vom Kopf und fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Vereinzelte Strähnen von blondem, mittellangem Haar fielen ihm ins Gesicht. Mit schief gelegtem Kopf betrachtete er Ben. Obwohl es sehr dunkel war, erkannte Ben, dass sein Gegenüber etwa gleichalt sein musste. Mit einem Mal erinnerte Ben sich wieder an die Worte seines Vaters und daran, wie dieser etwas von Johannes‘ Sohn, der ebenfalls Architektur studierte, erzählt hatte.

„Alexander, richtig?“, fragte Ben und lachte verlegen, „Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt. Ich bin übrigens Ben“, er streckte dem anderen seine rechte Hand entgegen, „Ben Richter.“

Der andere schwieg weiterhin, blickte lediglich misstrauisch in Bens Richtung. Er machte keine Anstalten, den angebotenen Handschlag anzunehmen.

Und aus Sommermond:

(…) Zahlreiche Autos umgaben ihn. Rote, schwarze, graue, dessen Besitzer sie abgestellt hatten, um etwas Wichtiges zu erledigen. Die Farben der Autos vermengten sich vor seinen Augen zu einem graubunten Gemisch. Alex wurde schwindelig. Und dann, ganz plötzlich, kehrte sein Verstand zurück. Ein Brennen jagte durch seine Glieder und ließ ihn erschrocken feststellen, was er Ben soeben angetan hatte. Er musste dringend zurück. So schnell wie möglich. Nervös tastete er nach seinem Handy, wollte es wieder einschalten, um sich bei Ben zu melden. Doch im selben Moment entzog ihm ein schwarzer Wagen die Aufmerksamkeit. Irritiert blickte er auf und beobachtete, wie der schwarze Mercedes viel zu schnell über den Parkplatz raste. Der Fahrer steuerte auf ihn zu. Alex wich zur Seite. Das Handy hielt er fest in seinen Händen. Der fremde Wagen fuhr an ihm vorbei, bremste quietschend und rollte anschließend rückwärts zu Alex zurück.

Der Blonde stolperte ein paar Schritte nach hinten. Als er die getönten Scheiben des Wagens sah, stieg Panik in ihm auf. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er wollte weglaufen, blieb aber unsicher stehen.

Der Mercedes hielt, die Beifahrertür öffnete sich. Die Türen hinten ebenfalls. Es stiegen zwei Deutsche und ein schwarz gekleideter Südländer aus. Sie bewegten sich auf ihn zu. Alex taumelte noch weiter nach hinten. Er schaffte es nicht, die Szene, die sich unmittelbar vor seinen Augen abspielte, zu verarbeiten. Erst als die Kerle sich ihm näherten, begriff er die Situation. Er umklammerte sein Handy, drehte sich zur Seite und rannte los. Die Typen zögerten nicht lange, sondern eilten wie programmierte Roboter hinterher. Alex bekam kaum Luft, stolperte fast über einen kaputten Ast und bekam daraufhin Probleme, sein Gleichgewicht zu halten. Er rannte weiter, zurück in die Dunkelheit, aus der er gekommen war. Hinter sich hörte er die laufenden Schritte der drei Männer, die sich zunehmend beschleunigten. Immer wieder drehte er sich zu ihnen um und vergewisserte sich nach dem Abstand. Dann rannte er weiter, sprang in Pfützen, die dreckig an ihm hochspritzten. Als er sich noch einmal umdrehte, waren ihm die Typen schon dicht auf den Versen. Er rannte weiter, übersah dabei eine schlammige Stelle im Sand, rutschte nach vorn, kämpfte mit ausgestreckten Armen um sein Gleichgewicht und stürzte schließlich brutal zu Boden. Er schlug heftig auf. Sein Gesicht landete im Matsch. Sein Handy rutschte ihm aus der Hand und landete im Dreck. Sein linker Fuß hatte sich verdreht und schmerzte stechend. Mit letzter Kraft stützte er sich ab, wollte sich aufrichten, wurde jedoch im nächsten Moment am Nacken gepackt und zurück in den Dreck gedrückt. Seine Arme wurden nach hinten gerissen und mit Handschellen fixiert. Unter dem festen Druck bekam Alex kaum Luft. Der Schlamm lief ihm in Mund und Nase. Er wurde festgehalten. Einer der Dreien hockte sich neben ihn, hob sein Handy auf und warf ihm ein dreckiges Grinsen zu. Alex starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er kannte den Typen. Er kannte ihn aus dem Quartier der Bande. Es war der Typ, der neben ihn in das alte Bild geschossen hatte, als er sich bewaffnet mit Diegos Pistole an Sams Tod hatte rächen wollen.

„Na, wie gefällt es dir, gleich von drei Männern flachgelegt zu werden?“, fragte der Typ. Über seine linke Gesichtshälfte zog sich eine rote Narbe.

Alex wand sich unter den festen Griffen und versuchte sein Gesicht aus dem Matsch zu drehen. Er ächzte vor Schmerz und schaffte es kaum, sich zu bewegen.

„Was wollt ihr?“, fragte er. Die Panik in seiner Stimme war kaum zu überhören.

Der Kerl mit der Narbe richtete sich wieder auf.

„Helft ihm hoch!“, befahl er seinen Komplizen.

Die beiden korpulenten Kerle gehorchten. Sie rissen Alex aus dem Matsch und zogen ihn zwischen sich.

„Mann, lasst mich gehen! Ich besorg‘ das Geld!“, flehte Alex.

„Schnauze!“, wurde er angefahren.

Alex wollte schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Als er dann an dem Kerl mit der Narbe vorbeischaute, sah er ein altes Pärchen in ihre Richtung spazieren. Ein Gefühl von Hoffnung stieg in ihm auf. Doch der Typ folgte seinem Blick und riss ihn sofort aus den Fängen der beiden anderen. Er zog ihn vor sich und positionierte ihn mit dem Gesicht zur Elbe. Alex wusste, warum. So konnten die Passanten weder die Handschellen noch sein mit Dreck verschmiertes Gesicht sehen.

Der Kerl nahm etwas aus der Tasche und presste es in Alex‘ Rücken. Der Blonde erkannte, dass es der Lauf einer Pistole war.

„Wag es bloß nicht!“, hauchte ihm der Typ ins Ohr. Mit einem leisen Klicken entriegelte er die Waffe.

Alex starrte panisch zur Elbe. Sein Fuß schmerzte und seine Atmung funktionierte nur stockend. Er zitterte am ganzen Körper und wagte es nicht, sich zu bewegen. Stocksteif stand er da und hoffte, dass nichts schiefgehen würde.

Das alte Ehepaar kam langsam auf sie zu. Alex atmete schwer. Der Typ zerrte ihn noch dichter an sich heran und drehte ihn aus der Sichtweite der Fußgänger. Als die beiden schließlich an ihnen vorbeigingen und sich dabei über irgendeine Geburtstagsfeier unterhielten, machte sich Alex‘ Mund selbstständig. Er holte Luft und wollte gerade losschreien, als ihm der Typ sofort eine Hand auf die Lippen presste und ihn zum Schweigen brachte.

„Dein Glück …“, meinte der Kerl hinter Alex, als das Ehepaar sich ausreichend genug entfernt hatte. „Oder wolltest du, dass wir sie umbringen?“

Alex traute seinen Ohren nicht. Er versuchte unter der kalten Hand zu antworten, brachte aber lediglich ein paar unartikulierte Laute hervor. Daraufhin wurde die Hand von seinen Lippen genommen.

„Du wirst jetzt erst mal mitkommen“, meinte der Typ mit der Narbe. „Verstanden?“

Er sprach einwandfreies Deutsch, schien aber spanischer Herkunft zu sein. Vermutlich arbeitete er schon lange mit dem Spanier zusammen. Die beiden Komplizen ähnelten in ihrer Statur erfahrenen Türstehern. Der Anführer schubste Alex in ihre Arme und ging schließlich voran. Die beiden packten Alex an den Oberarmen und zerrten ihn mit sich mit. Anfangs wehrte Alex sich noch, versuchte sich mehrfach loszureißen und gegen die Kraft der Kerle anzukommen. Doch schon nach wenigen Sekunden gab er auf und fügte sich seinem Schicksal. Mit starken Schmerzen humpelte er zwischen den kräftigen Kerlen. Sein Kopf war leer. Er kam sich vor, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung geführt werden. Wie jemand, für den es keine andere Wahl mehr gab, als sich selbst aufzugeben und andere alles mit sich machen zu lassen.

Mit jedem neuen Schritt gab sein Fuß mehr nach. Zum Schluss kam er nicht länger gegen die Schmerzen an, setzte den Fuß nicht mehr richtig auf und ließ sich stattdessen die letzten Meter bis zum Wagen schleifen. Alex versuchte ein Blick auf das Kennzeichen zu erhaschen, doch die Ziffern und Zahlen verschwammen vor seinen Augen. Der Typ mit der Narbe riss die Beifahrertür auf, beugte sich in das Wageninnere und murmelte etwas zum Fahrer. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er ein weißes Taschentuch in der einen und ein braunes Fläschchen in der anderen Hand. Alex‘ Angst nahm sofort ein neues Ausmaß an. Ein letztes Mal stieg der Überlebenswille in ihn zurück und trieb ihn zu unzähligen Versuchen an, sich loszureißen. Doch es gelang ihm nicht.

„FUCK!“, brüllte er. „FUCK! WAS WOLLT IHR?“

„Pscht …“, machte der Typ mit der Narbe und legte dabei einen Zeigefinger auf seine Lippen. Er blickte Alex fest in die Augen. Dann schraubte er das kleine Fläschchen auf, drückte das Taschentuch auf die Öffnung und drehte beides an einem Stück herum.

„Wir wollen dir nicht wehtun“, sagte er und klang wie ein Wahnsinniger, der seinen Morden einen guten Grund zuschrieb. „Du sollst dich nur etwas ausruhen und …“, Er drehte die Flasche wieder um, schraubte den Verschluss zu und ließ sie in seine Jacke gleiten. „… nicht mitbekommen, wohin unsere kleine Reise geht.“

Alex riss seine Augen auf. Etwas entfernt fuhren noch immer Autos über die Straße, die mit ihren unschuldigen Insassen nichts von dem ahnten, was sich gerade hier abspielte.

Der Griff der korpulenten Kerle wurde noch einmal fester, als sich der junge Spanier samt ausgebreitetem Taschentuch auf ihn zubewegte.

„NEIN!“, schrie Alex, hing zwischen den beiden Komplizen und trat wild um sich. „NEIN!“

Er wollte um Hilfe schreien, doch dafür blieb ihm keine Zeit. Der Typ mit der Narbe trat einen letzten Schritt auf ihn zu, hob das Taschentuch auf Augenhöhe und presste es Alex ins Gesicht.

Der Blonde wand sich unter dem Stück Stoff und glaubte, nicht mehr genügend Luft zu bekommen. Mit jedem Atemzug sog sich das Tuch fester an seine Lippen. Dann wurde ihm schwindelig. Seine Muskeln wurden schlaff, sein Körper sackte in sich zusammen und seine Augen fielen wie von selbst zu. Nur beiläufig nahm er wahr, wie das Taschentuch aus seinem Gesicht gezogen wurde. Regungslos rutschte er zu Boden. Er hörte noch, wie eine Autotür aufgerissen wurde, bevor alles um ihn herum verstummte. In seinem Kopf breitete sich eine schwarze Leere aus, die ihn binnen Sekunden so müde machte, dass er sich nicht mehr länger wachhalten konnte. Schließlich gab er den Kampf auf. Seine Glieder entspannten sich und seine innere Stimme begann zu schweigen.

Und dann war da nichts mehr. Gar nichts, außer der farblosen Leere und der beängstigenden Stille. (…)

***

(…) Alex hatte Angst. Eine betäubende Leere stieg in ihm auf. Sie ließ seine innere Stimme verstummen.Wie gebannt starrte er auf den Dreck vor seinem Gesicht. Die Schmerzen in seinem Körper klangen plötzlich ab. Deshalb stieg eine hysterische Hoffnung in ihm auf und ließ ihn mit sich selbst sprechen.

„Wach auf!“, nuschelte er. „Komm schon, Alex! Wach auf!“

Er schloss die Augen und wartete auf die Erlösung. Doch es geschah nichts. Stattdessen stieg ein starkes Schwindelgefühl in seinen Kopf. Alles begann sich zu drehen.

„Komm schon!“, wiederholte er sich und krallte sich noch fester in seinen Kopf. „Komm schon! Wach verdammt nochmal auf!“

Doch als er seine Augen erneut öffnete, befand er sich noch immer im schwach beleuchteten Keller.

Er gab auf. Seine Emotionen verblassten, seine Hoffnung verschwand. Als er für einen kurzen Moment genauer über seine Situation nachdachte, musste er gequält auflachen. Er lachte, weil er sich sein eigenes Grab geschaufelt hatte. Er selbst war an alledem Schuld und hatte sich ganz allein für diesen Weg entschieden. Dabei vergaß er jedoch, dass er beim Pokern lediglich den Kick gesucht hatte. Nicht mehr. So hatte ihn nur der menschliche Reiz, um viel Geld zu spielen, in dieses Drecksloch gebracht. Ein Verließ, in dem nicht mehr der Kick zählte und auch nicht der Reiz; in dem es nicht mehr um Geld oder Wohlstand ging. Ein Verließ, in dem nur noch eines zählte: sein Überleben. (…)

***

Übrigens ist es ein riesiger Traum von mir, wieder ein Buch zu schreiben. Ein Kinderbuch oder ein Jugendbuch, … vielleicht auch einen neuen Thriller. Diese Leidenschaft brodelt richtig in mir, allerdings fehlt es dafür aktuell an Zeit. Nicht unbedingt an der Zeit zum Schreiben. Die eine oder andere Seite würde ich schon nach und nach zu Papier bringen, aber an Zeit, mich mit einer neuen Story zu befassen. Ich kann nämlich nur dann eine literarische Welt erschaffen, wenn ich mir diese Welt vorab richtig ausmale. Und dafür braucht es Zeit und Geduld und ganz viel Nachdenkerei. In dieser Zeit liegt man herum und grübelt, skizziert, notiert und grübelt weiter. Und das kostet viel Zeit, manchmal auch sinnlose Zeit, weil man plötzlich alles wieder verwirft.

Aber eines Tages werde ich wieder ein Buch schreiben. Da bin ich mir sicher.

Mari (2)

Es hatten sich viele von euch gewünscht – schon seit langer, langer Zeit, dass ich mal über diese spezielle „Seite“ von mir schreibe. Und das habe ich jetzt getan und ich hoffe, ihr freut euch darüber! =)

Ach ja: Vermutlich werden sich einige von euch fragen, warum ich ausgerechnet Schwulenromane geschrieben habe, oder? Das liegt einfach daran, dass mich die Geschichten, die Homosexuelle zu erzählen haben, schon immer interessiert haben. Homosexuelle müssen zu sich selbst finden. Sie müssen viele Hürden nehmen und sich oft ihr Leben lang erklären oder gar rechtfertigen. Ich finde diese Geschichten spannend und faszinierend, die Menschen dahinter mutig. Deshalb hat mich diese Thematik schon immer sehr gereizt.

Falls ihr sonst noch irgendwelche Fragen an mich habt, nur zu!

Ich freue mich sehr auf eure Kommentare!

Alles Liebe,

eure Mari =)