Eine ganze Menge, finden Psychologin Stefanie Stahl und Journalistin Silia Wiebe. Hier erzählen die Buch-Autorinnen, warum es guttut, sich mit der eigenen Kindheit und der Beziehung zur Mutter zu beschäftigen, um im Familienalltag genau die Mama sein zu können, die man sein will.

Von Stefanie Stahl und Silia Wiebe

Sabine und Silia Wiebe

Wir tragen unser brüllendes Baby durch die Nacht, pulen Playmobil-Schwerter aus der Staubsaugertüte, haben Schweißausbrüche, weil uns die Mathe-Hausaufgaben ein Rätsel bleiben. Wir kriegen die hundertste Streptokokken-Infektion nicht in den Griff und verballern unseren kostbaren Home-Office-Tag für die Recherche eines bezahlbaren Schwimmkurses. Natürlich lieben wir es, Mama zu sein! Trotzdem wünschen wir uns manchmal kilometerweit weit weg. Weg von dem ständigen Gesabbel und Hinterräumen, von der Verantwortung bei Fieber, Schulangst, Dellwarzen, Stottern, Panini-Bildern am Spiegel und Pipiflecken auf dem Ledersofa. Weg von unserer eigenen Überforderung und Angst, nicht gut genug zu sein als Mutter.

Werden unsere Kinder in zwanzig Jahren bei der Therapeutin sitzen und über die schwierige Mama nachdenken? Über zu wenig Zuwendung und Familienzeit, über zu viel Gebrüll und Ungeduld? Werden sie sagen: „Mama und Papa waren immer im Stress und klebten an ihren Handys?“ Werden wir schuld sein an ihren Selbstzweifeln, ihrer stressbedingten Neurodermitis oder ihrer Bocklosigkeit, eine eigene Familie zu gründen?

Nein! Werden wir nicht! Wir Eltern tragen jede Menge Verantwortung, aber wir sind keine Supermenschen. Wir dürfen Pipi-Flecken hassen, uns überfordert fühlen und auch mal brüllen. Wir dürfen, ja, wir sollten sogar unseren Kindern die gesamte Palette unserer Gefühle vorleben, auch Wut und Angst und Scham und Unsicherheit.

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Es gibt aber diese wiederkehrenden und für alle Familienmitglieder schmerzhaften Probleme, die tiefer gehen und die nur in den Griff zu kriegen sind, wenn man die Wurzel kennt. Um diese Probleme soll es hier gehen. Sie haben nur vordergründig mit unserem Alltagsstress zu tun, mit dem Spagat zwischen Job, Beziehung und Kindern. Eigentlich haben sie mit unserer eigenen Kindheit zu tun. Nur wissen wir das meistens nicht.

Da sind zum Beispiel die Mütter, die so ein so immenses Kuschelbedürfnis haben, dass sich ihr Kind beinahe erdrückt fühlt und lieber beim Papa ist. Was sich manchmal richtig doof anfühlt. Oder die Frauen, die Beklemmungen bekommen, wenn ihr Kind körperliche Nähe einfordert. Oder die mit der riesigen Wut auf die eigentlich harmlose Schwiegermutter. Oder die Mütter, die zutiefst verletzt sind, wenn ihr Sohn zu einem Kindergeburtstag nicht eingeladen wird oder kein Überflieger in der Schule ist, und die nicht merken, dass es da eigentlich um sie selbst geht und nicht um das Kind.

Wir denken viel zu oft, dass unser Charakter mit diesen Problemen zu tun hat. Weil wir scheinbar empfindlicher, eifersüchtiger, aufbrausender sind von Natur aus oder mehr Nähe oder Distanz brauchen. Wir übersehen dann, dass viele unserer Verhaltensweisen mit unseren frühen Prägungen durch unsere Eltern zusammenhängt. Und sich sehr wohl verändern lässt.

Unsere Mutter ist unsere allererste Beziehung. Hat sie uns, ihr Baby, in den ersten Lebensmonaten angestrahlt, haben wir gelernt: Mama freut sich, dass wir da sind. Daraus entsteht das Gefühl: Ich bin okay. Spiegelt eine Mutter ihrem Baby Stress, Abwesenheit, Genervtheit, Wut, dann versteht das Kind nicht, dass die Mama gerade eine Menge Probleme mit sich oder der Umwelt hat, vielleicht keinen Job, keinen Partner oder den falschen oder eine heftige postnatale Depression. Das Baby fühlt einfach nur: Mit mir stimmt etwas nicht, ich bin nicht okay.

Buecher von Silia und Steffi 3

Diese Leitgedanken oder Glaubenssätze aus den ersten Monaten und Jahren prägen sich tief in uns ein. Noch als Erwachsene fühlen wir sie, oft ohne, dass wir uns dessen bewusst sind. Wir betrachten mit ihnen die Welt, sie beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln. Und jetzt kommt es: Sind wir selbst Eltern, sind unsere Glaubenssätze die Brille, mit der wir unsere Kinder betrachten. Trägt eine Mutter beispielsweise den weitverbreiteten Glaubenssatz „Ich genüge nicht“ mit sich herum, dann läuft sie Gefahr, in ständige Selbstzweifel zu verfallen. Da liegt es nahe, nach Perfektion zu streben und alles zu geben. Ihr wisst schon: Glänzende Backöfen, aufgeräumte Kinderschubladen, selbstverständlich nur selbstgekochtes Bio-Essen.

Nicht wenige Frauen überfordern sich mit ihren Ansprüchen. Die Folge ist, dass sie ständig gestresst sind, was sich negativ auf die familiäre Atmosphäre auswirkt. Auch kann dieser Glaubenssatz dazu führen, dass die Mütter ihre Kinder als verlängerten Hebel der eigenen Selbstdarstellung wahrnehmen und von den Kindern erwarten, dass auch sie möglichst perfekt sind; leistungsstark in der Schule, beliebt bei anderen Kindern, tipptopp mit den Essensmanieren, kurz gesagt das Superkind im Quadrat. Weil die Mama sich sonst klein und minderwertig fühlt. Wer beispielsweise den Glaubenssatz „Keiner respektiert mich“ in sich trägt, verstrickt sich schon mal völlig unnötig in Machtkämpfe mit dem eigenen Kind. Erst wenn man erkennt, dass ein Glaubenssatz aus der Kindheit dahintersteckt und die Kämpfe für eine erwachsene Frau unpassend sind, kann man die alten Gefühle von der Realität unterscheiden und sich wieder auf einen friedfertigen Umgang mit dem Kind einlassen.

Silia Wiebe und Mutter Sabine

Die gute Nachricht ist also: Wir können unsere problematischen Kindheitsprägungen nachträglich umprogrammieren, indem wir sie uns bewusst machen. Und dann mutig sortieren, welche wir behalten wollen und welche nicht. Haben wir uns wieder mal übertrieben geärgert, geängstigt oder waren unglaublich traurig, können wir versuchen, uns eine fünfzehnminütige Auszeit zu nehmen, uns in eine ruhige Zimmerecke zu setzen, die Augen zu schließen und in uns hineinzuspüren. Dann fühlen wir die schmerzhaften Gefühle aus der letzten Situation noch einmal nach. Und fragen uns: In welchen Kindheitssituationen sind sie uns schon einmal begegnet? Wir lassen Bilder hochkommen und auf uns wirken. Wir werten nicht, wir analysieren nicht, wir lassen die Gefühle, die auftauchen einfach zu und nehmen sie an. Alles darf da sein. Als kleine Hilfestellung, um unsere Glaubenssätze zu finden, können wir uns zusätzlich fragen, ob wir uns als Kind sicher und aufgehoben fühlten. War die Liebe unserer Eltern an Bedingungen geknüpft und wurden wir für das geliebt, was wir waren?

Je genauer wir erkennen, was uns geprägt hat, desto besser können wir als Erwachsene wählen, welche Glaubenssätze wir unseren Kindern mitgeben wollen.

Nestwaerme die Fluegel verleiht 2

Und welche nicht. In dem Ratgeber für Eltern von Stefanie Stahl „Nestwärme, die Flügel verleiht. Wie wir erziehen ohne zu erziehen“ findet Ihr viele praktische Übungen, die Euch helfen, über die Beschäftigung mit der eigenen Kindheit zu erkennen, wie Ihr Euren Kindern Wurzeln geben könnt und ihnen gleichzeitig Freiheit schenkt.

Ihr werdet erfahren, warum es so wichtig ist, die Balance zu halten zwischen Bindung und Autonomie, diesen beiden Polen, die unser gesamtes Leben beeinflussen. In jeder Beziehung geht es letztendlich darum, zu kooperieren (Bindung) oder sich auseinanderzusetzen und die eigene Unabhängigkeit zu verteidigen (Autonomie).

Bei vielen von uns ist dieses Gleichgewicht aufgrund unserer Erziehung nicht ausgewogen. Mal sind wir überangepasst, dann wieder zu abgegrenzt. So strengt man sich beispielsweise über einen längeren Zeitraum hinweg wahnsinnig an, es einem anderen Menschen recht zu machen, zum Beispiel dem Partner oder der Schwiegermutter, und unterdrückt dabei die eigenen Bedürfnisse, die sich auf Dauer aber nicht verleugnen lassen. Dann zieht man sich plötzlich von der anderen Person zurück, um wieder persönlichen Freiraum zu erobern, den man zuvor ganz freiwillig geopfert hatte. Die anderen Menschen verstehen das nicht. So entstehen Konflikte, die sich erst auflösen lassen, wenn man sie einordnen kann.

Ein reflektierter, erwachsener Umgang mit Konflikten ist nach innen fokussiert. Statt sich weiter zu ärgern oder das Weite zu suchen, fragt man sich: Was sagt mein Gefühl über mich und meine Kindheit aus? Um sich selbst zu verstehen, lohnt der Blick zurück. Um zu verstehen, warum unsere Mütter uns damals nicht mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Zeit geben konnten und um vielleicht auch belastende Streitpunkte, Verletzungen oder Kontaktabbrüche aufzulösen, lohnt der Blick auf das Leben und die Kindheit der Mutter.

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In Silia Wiebes Erzählband „Unsere Mütter. Wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen“ könnt Ihr zwölf sehr offene Erfahrungsberichte von erwachsenen Töchtern lesen und im letzten Kapitel ein Interview mit Stefanie Stahl über innige, schwierige und komplizierte Mutter-Tochter-Beziehungen.

Es geht in dem Buch um Dankbarkeit, Liebe und mühsame Loslöseprozesse. Und es geht darum zu verstehen, warum unsere Mütter genau die wurden, die sie sind – und was das wiederum mit uns gemacht hat.

Jede Mutterbeziehung ist anders, und das ist okay. Für die eine ist die Mama die engste Vertraute, für die andere ein ewiges Rätsel. Sie ist Seelentrösterin, Vorbild oder die größte Enttäuschung unseres Lebens. Meistens erkennen wir früher oder später, dass wir auch die Frau hinter der Mutterrolle im Blick haben sollten, um ihr gerecht zu werden. Diesen ganz normalen Menschen mit eigenen Sehnsüchten, Ängsten und vielleicht einer eigenen schwierigen Kindheit. Die immer ihr Bestmögliches gibt. Genau wie wir.

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Vielen lieben Dank, liebe Stefanie, liebe Silia, für diesen Gastbeitrag, der sehr zum Nachdenken und Selbstreflektieren anregt!